- René Schindler
- Lesedauer: 12 Min.
- Erfahre, wie man in prekären Jobs wirksam Gegendruck aufbaut.

Oder: Wie man in prekären Jobs seine Würde wahrt, sich vernetzt und zudem „Karriere“ machen kann.
- 4 Gründe für eine Gewerkschaft, die kaum jemand auf dem Schirm hat:
- Benachteiligung in der Arbeitswelt von Heute
- Probleme mit der Leihfirma…
- …und der Wunsch nach Weiterbildung
- Abstieg…
- …und Aufstieg!
- Tue Gutes…. und erzähle davon.
- Die da oben machen was se woll´n…?
- …Nein!
- Vom prekär Beschäftigten zum …
- … hauptamtlichen Referenten für organisierte Arbeitnehmer:innen
- Andere Zeiten, andere Kämpfe
4 Gründe für eine Gewerkschaft, die kaum jemand auf dem Schirm hat:
Dieser Beitrag ist eine persönliche Facette aus meinem Leben. Ich überlegte vor knapp 10 Jahren schon länger, einer Gewerkschaft beizutreten, tat dies aber nicht, da ich überwiegend in Dienstleistungsbetrieben ohne Tarifvertrag und Betriebsrat gearbeitet habe.
Im Januar 2012 tat ich es dann doch, da ich als Arbeitnehmer einer Leihfirma mich schützen wollte und mir die Organisation folgende Benefits bot:
a) Arbeits-Rechtsschutz, auch mit Klagen vor Gerichten,
b) die Möglichkeit kostenfreien Bildungsurlaub zu machen
c) zusätzlichem Mietrechtsschutz und
d) die Möglichkeit, meine Lohnsteuer professionell machen zu lassen.
Benachteiligung in der Arbeitswelt von Heute
Ich konnte keinen Betriebsrat gründen, es gab keine Vertrauensleute und die Tarife in der Leiharbeit untergraben bekanntlich Equal Pay und stellen alle Leiharbeiter_innen schlechter als die vergleichbaren fest Angestellten Kräfte.
Allerdings ist es so, dass besonders in prekären Jobs, welche leider wie Pilze aus dem Boden sprießen, neben
a) schlechter Bezahlung
b) schlechten Bedingungen auch noch
c) Probleme mit der Miete und
d) allgemeine Exklusion hinzukommt (Weiterbildung, Beratung in juristischen Dingen usw.)
Jetzt zahlte ich also 16,-€ / Monat und bemerkte in einem Flyer, dass sogar eine Arbeitszeugnis Beratung angeboten wird. Nach einigen Tagen schickte ich mein letztes Arbeits-Zeugnis hin und bekam eine super gute Analyse dessen – so dass ich den Ex Arbeitgeber anschrieb, dass zu ändern.
Kurze Zeit später trudelte eine Mieterhöhung seitens meiner Vermieterin trudelte bei mir ein.
Ich rief die Hotline des Deutschen Mieterbundes an, gab meine Mitglieds-Nummer der Gewerkschaft durch und beriet das Problem. Mir konnte geholfen werden und ich konnte durch diese Infos die Mieterhöhung um 10% drücken.
Die Kosten für eine Arbeitszeugnis Beratung beim Rechtsanwalt und für eine Info beim Mieterbund/Rechtsanwalt wären bei ca. 240,-€ gewesen. Ich hatte das mit meiner Gewerkschaftsmitgliedschaft inkludiert. So langsam war ich echt begeistert davon.
Probleme mit der Leihfirma…
Es kam anschließend wie es kommen musste: es gab die ersten Probleme mit meiner Zeitarbeitsfirma und ich rief etwas schüchtern den Gewerkschaftssekretär an. Nach einiger Zeit bekam ich Infos, dass das Vorgehen der Zeitarbeitsfirma nicht rechtens sei.
Es meldeten sich wohl kaum Zeitarbeiter bei der Gewerkschaft, ich war wohl ein Exot. Ich bedankte mich und schrieb dies der Firma, mit Angabe der Paragraphen.
Da das wohl kaum ein Leiharbeiter macht, war ich der Exot. Aufbegehren gegen die mächtigen Unterdrücker. Die Gewerkschaft gab eine Kraft dazu, aus der Masse der unorganisierten Unterdrückten rauszutragen und auf Augenhöhe zu treten.

Die Lohnsteuerberatung der Gewerkschaft nahm ich in Anspruch. Ich saß mit alten Männern, namhafter, großer Betriebe in einem kleinen Raum im Gewerkschaftshaus und wartete bis meine Steuer gemacht werden konnte.
Der Berater sah mich an, meinte er kenne sich mit dem Leiharbeitskram nicht soo sehr aus, aber mache sich schlau. Ich kam mir exotisch vor, aber er hielt Wort und ich bekam meine versprochene Unterstützung und meine Steuer. Kostenlos und im Rahmen meiner Mitgliedschaft.
Das waren 3 Dinge, welche mir in meinem Leben zu dieser Zeit weiterhalfen. Eine Mitgliedschaft im Deutschen Mieterbund kostet 90,-€ Jahr, eine Auskunft beim Fachanwalt für Arbeitsrecht kommt auf bis zu Hundert Euro. Die Mitgliedschaft in einem Lohnsteuerhilfeverein je nach Gehalt mehrere Hundert Euro. – und ich bekam alle Dienstleistungen gratis als Gewerkschaftsmitglied. Ich war restlos begeistert.
…und der Wunsch nach Weiterbildung

Später, als ich durch meinen akademischen Abschluss als Betriebswirt und der prekären Beschäftigung als Leiharbeitnehmer und zahllosen Versuchen mich fortzubilden (z.B. als Aus- und Weiterbildungspädagoge) stets mit Anträge auf Zuschüssen vor allen Trägern (Arbeits-Agentur, Stadt, Meister-BAföG, ESF Programme etc.) scheiterte, sah ich eine Anzeige meiner Gewerkschaft für die Qualifizierung zum Prüfer einer Kammer.
Ich meldete mich an, nutzte mein Recht auf Bildungsurlaub und fuhr in ein Tagungshaus in Norddeutschland. Dort war ich als Leiharbeiter totaler Exot unter all den Betriebsräten, Vertrauensleuten und Menschen, die in großen, namhaften Firmen arbeiteten und als Gewerkschaftsmitglied in einem berufenen Prüfungsausschuss einer IHK und HWK sitzen.
Es ergaben sich tolle Gespräche, super Kontakte und es war eine traumhafte Woche. Die als Bildungsurlaub für mich zudem völlig kostenfrei war.
Kurze Zeit später hielt ich die Berufungsurkunde meiner IHK in der Hand und war berufenes Arbeitnehmer-Mitglied im Prüfungsausschuss „Kaufleute für Büromanagement“ einem Nachfolgeberuf der früheren Bürokaufleute. Das Wissen des Seminars gaben mir Halt und Sicherheit in meinem IHK-Ehrenamt als Prüfer.
Ich studierte vor vielen Jahren berufliches Lehramt mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Politik auf Master, musste aufgrund privater Themen dieses Studium abbrechen und trat, da das Damoklesschwert Hartz 4 drohte, eine Stelle in der Leiharbeit an.
Abstieg…
Das war im Januar 2012. Es war mein Tiefster Fall. Ich wollte Lehrer für Politik & Wirtschaft werden und stand nun vor dem Nichts. Ich zählte die Tage bis zum eintreten von Hartz IV, dem Verlust meiner Wohnung, meiner Würde, meines Wohlstandes… Ich lag zu dieser Zeit sehr oft nachts im Bett und es ging mir sehr schlecht.
Mitte 2015 war ich dann berufenes Prüfungsausschussmitglied und dafür verantwortlich, dass junge Menschen ihren Abschluss als Kaufleute für Büromanagement in den Händen hielten. Die Mitglieder meines Ausschusses waren eine Lehrkraft einer beruflichen Schule, eine Mitarbeiterin einer Arbeitsagentur sowie einer größeren Bundesbehörde. Ich als Leiharbeiter war dagegen.. ein Exot.
Da man sich als Leiharbeiter stets im Teufelskreis aus prekärer Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, Hartz IV usw. bewegt, fand ich es krass, dass die Gewerkschaft auch eine Onlineberatung für alles rund um die BA anbot. Man stellte in einer Maske eine Frage rund ums Arbeitsamt, gab die Mitgliedsnummer ein und bekam einige Tage später Antwort.
Kostenlos, aber nicht umsonst. Mit diesen Infos gewappnet konnte ich Gespräche mit meinen Arbeitsvermittlern führen und wusste um meine Rechte rund um Kostenerstattung, bezahltes Coaching etc. Denn das bekommt man bei der Agentur nicht mitgeteilt, erst auf Anfragen!!!!
…und Aufstieg!

Viel später dann kam die „klassische“ Gewerkschaftsarbeit hinzu: Ich nahm an einer Runde für die Tarifverhandlungen in der Leiharbeit teil, mit Disponenten, Landesbezirksleitern der Gewerkschaft, Juristen und anderen.
Als betroffener Leiharbeiter war ich… nun ja wieder Exot. ich telefonierte in diesen Zeiten sehr lange mit Menschen aus ganz Deutschland, anderen Leiharbeitskollegen, Mitgliedern des Bundesvorstandes meiner Gewerkschaft, einigen namhaften Juristen hin und wieder auch mit der Gegenseite, den Arbeitgebenden.
Als „kleiner“ Leiharbeiter kam ich mir auf einmal mit Einfluss ausgestattet vor. Ich konnte dank dem Engagement in meiner Gewerkschaft, in einen imaginären Lift steigen und befand mich auf Augenhöhe mit Menschen, welche Millionen verdienten mit dem Betrieb von Zeitarbeitsfirmen. Und mich ernst nahmen.
Tue Gutes…. und erzähle davon.
Ich erzählte davon in den Betrieben, in denen ich Leiharbeiter war, das meinen anderen Leiharbeitskollg:innen. Oft schimpften diese, gaben der Politik die Schuld, den Bonzen, die Gewerkschaften sind eh alle korrupt. Meine Exoten-Story überzeugte viele, ich warb mehr und mehr Mitglieder, auch hin und wieder solche aus der Stammbelegschaft.
Ich trat schließlich zu einer Betriebsratswahl in meiner Zeitarbeitsfirma an – das sind primär gewählte Interessenvertreter im Betrieb, welche die Gewerkschaften unterstützen.
Die da oben machen was se woll´n…?
Da die Zeitarbeitsfirmen sehr stark darin sind, genau so etwas zu vermeiden, wurde die Luft sehr dünn und das Klima sehr eisig für mich. Meine geworbenen Mitglieder sprangen alle ab, sie bekamen oft sehr hohe Summen in Aussicht gestellt, was viele bei dem kleinen Gehalt annahmen.
Ich selbst durfte jahrelang Klagen, da mir durch eine Zeitarbeitsfirma 1.200,-€ meiens Gehaltes vorenthalten wurden. Ich wurde stets unterstützt, durch alle Instanzen, bis vor das Bundesarbeitsgericht. (Im ersten Termin vor dem Arbeitsgericht gestand die Richterin ein, dass Leiharbeitende wohl selten klagen, das sei schon exotisch.)
Ich gewann. Nicht juristisch, aber moralisch:
…Nein!
Kaum jemand weiß, dass Gewerkschaften viele Institutionen des Sozialstaats mit gestalten und praktisch gesprochen, Leute in die Ehrenämter besetzen.
Ob in Prüfungsausschüssen der beruflichen Bildung, in den Beiräten der Krankenkassen und der Rentenversicherungen (kürzlich fanden Sozialwahlen statt), der Innungen, am Sozial-, Arbeits-, oder Verwaltungsgericht: Überall dort entsenden Gewerkschaften ihre Mitglieder, um deren Sachverstand einfließen zu lassen.
Vom prekär Beschäftigten zum …
Jetzt stellt euch mal folgendes vor: ein Leiharbeiter, welcher zum ehrenamtlichen Richter an einem Arbeitsgericht berufen wurde und anschließend darüber mitentscheiden darf ob eine verklagte Zeitarbeitsfirma, welche einen prominenten Anwalt auf Ihrer Seite weiß, welcher das 20-fache des Leiharbeiters verdient, einen Mitarbeiter zu Recht gekündigt hat? Klingt zu unrealistisch und völlig exotisch? ja??
Aber genau das geschah im November 2015 – die Gewerkschaft ernannte mich zum Ehrenamtlichen Arbeitsrichter, die Berufungsurkunde mit Unterschrift des hess. Justizministers trudelte einige Tage später ein. Bei meiner Vereidigung sprachen die Blicke des Richters, der Parteien und des ehrenamtlichen Richters aus Arbeitgeberkreisen Bände, als meine Arbeitsstelle thematisiert wurde. Ich muss es nicht mehr erwähnen, oder? ..Exot, ich war es ja schon gewohnt.

Gerechtigkeit: für Justizia sind die Richter:innen Auge und Ohr
… hauptamtlichen Referenten für organisierte Arbeitnehmer:innen
Im Jahr 2016 begann ich hauptamtlich als Referent im Gewerkschaftichen Umfeld in einem Schnittmengenthema aus beruflicher Bildung und Migration.
Jetzt stehe ich oft vor Betriebsratsgremien, vor Beruflichen Ausschüssen der Gewerkschaften und referiere. Die meisten sind Vertrauensleute, Betriebsräte, Schwerbehindertenvertretungen, Menschen aus großen und bekannten Firmen, welche Gewerkschaftsmitglieder sind.
Hin und wieder sogar Leiharbeiter. Wenn ich mich vorstelle und erzähle was ich davor gemacht habe, können gerade sie das kaum fassen und suchen nach meinem Vortrag das Gespräch mit mir.
Es stellt sich nicht die Frage, ob man in eine Gewerkschaft beitreten sollte, weil man Exot ist. Ja die mehrheitlichen Mitglieder sind männlich, weiß und in großen namhaften Betrieben beschäftigt – aber Gewerkschaften wurden einst gegründet, um dem Arbeiterschaft einen Aufstieg durch Tarifverträge und Bildung zu ermöglichen. Alle sollten in den imaginären Fahrstuhl steigen, um auf Augenhöhe mit den Arbeitgebenden zu verhandlen.
Die prekären Jobs der heutigen Zeit weisen ähnliche Muster auf – mit dem Unterschied, dass es eben jetzt die Strukturen, das Arbeitsrecht und vielfältige Projekte und Hilfsmöglichkeiten gibt. Nur muss man diese anzapfen.
Andere Zeiten, andere Kämpfe
Eines aber ist unverändert geblieben – in 1848 standen Weberinnen und Weber solidarisch zusammen – und in 2023 kann man das eben in der Systemgastronomie, bei Gebäudereinigern, in der Leiharbeit, im Werkvertrag oder in Callcenter machen!
Denn ein Argument der Arbeitgeber greift nicht, welche gern für die Androhung in großen namhaften Firmen genutzt wird.

In der Systemgastronomie sind die Bedingungen oft prekär – da täuscht auch kein Lächeln drüber hinweg. (Quelle: Wikimedia)
Prekäre Jobs können nicht nach Asien ausgelagert werden! Ein Call Center wird kaum in der Mongolei betrieben werden, wenn Menschen aus München anrufen um Antworten über Mobilzu erhalten.
Niemand fliegt für einen Burger nach Bangladesch, ein Betrieb reißt seine Gebäude nicht ein um es in Peking von Putzkräften günstig zu säubern und es anschließend wieder in Potsdam aufzubauen. Leiharbeiter aus Leipzig arbeiten zwar in Ludwigshafen und Landshut – erhalten aber einen hohen Zuschuss für diese Auswärtstätigkeiten!
Gerade in prekären Bereichen gilt: BITTE TRETET IN DIE GEWERKSCHAFTÈN EIN!
Exoten dieser Erde, vereinigt euch und werdet mehr. Denn ihr seid viele!!