Aktenzeichen XYZ…gelöst

Viele haben bestimmte Stereotypen über die Generationen im Kopf
  • Von: René Schindler
  • Lesedauer: 9 Minuten
  • Lerne, warum Austausch und Kontakte zwischen den Generationen Dich wirklich weiterbringt.

  1. Die doofe GenZ.. die Oldies
  2. Was sagen denn Fachleute dazu?
  3. Oder ist es doch ganz anders?
  4. Und jetzt mal Klartext

Oder: Warum es vernünftig ist, Freundschaften zwischen den Generationen zu pflegen.

Es ist momentan eine Art Sport geworden – nahezu täglich gehen Meldungen viral, wie, wie und warum die Generation Z im Job unfähig ist. Was sie falsch macht. Und warum sie generell blöd ist. Besonders dabei ist, dass vor allem solche Musterbeispiele der zwischen 1998 und 2010 geborenen Generation dargestellt werden, die sich besonders entblöden. Nicht arbeiten wollen. Lieber mit Instagram oder YouTube frei von zuhause oder jedem Ort der Welt, durch „Content creation“ Geld verdienen wollen. Und die sehr geringe Fraktion der weiblichen Generation Z, welche mit wenig Kleidung und sehr direkten Inhalten auf OnlyFans dies auch erreichen können. (Nachdem sie mittels der erstgenannten Social Media erst mal Follower und damit Reichweite aufgebaut haben).

Auffällig ist, dass dies eine Art inszenierte Empörung darstellt – vor allem durch die Generation Baby Boomer. Diese in der Nachkriegsgeneration geborenen Männer und Frauen, sind das Feindbild der Generation Z. So geht zumindest die Märchenerzählung in den Sozialen Medien oder in reißerischen Presseartikeln.

Aber, mag man einwerfen, ist es denn nicht so, dass viele junge Menschen tatsächlich zu viel Zeit im Internet verbringen, kaum Interesse an Arbeit in der Dienstleistung oder im Handwerk hat und zudem über so viele Ressourcen und Optionen verfügt wie kaum eine andere Generation vor ihr?

Das ist alles richtig. Aber muss man dies der Generation Z zum Vorwurf machen? Und ist unsere Gesellschaft in vielen Punkten nicht wirklich verbesserungsfähig? Wer sollte für diese Kritik aufkommen, außer junge Menschen, die in der Blüte ihres Lebens stehen und voller Tatendrang sind?

Zu jedem Thema äußern sich Experten. Sei es Terrorismus, Politik, Ukrainekrieg oder Klimafragen. Dann fragen wir doch ebenfalls mal Experten zum Thema Junge Menschen von heute, diese Experten posteten allerdings nicht auf Social Media, sondern etwas weniger zeitgeistig auf Stein oder Papier. Immerhin klimaneutral, mag man denken. Bitte sehr, die Zitate unserer Experten:

„Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“

ca. 3000 v. Chr., Tontafel der Sumerer

Puh, also und zu der Zeit gab es noch nicht mal Social Media.

„Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe“

Keilschrifttext, Chaldäa, um 2000 v. Chr.

Das gab es damals also schon?

„Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten“

ca. 1000 v. Chr., Babylonische Tontafel

Dieser Exeprte lag wohl etwas daneben

„[…] die Schüler achten Lehrer und Erzieher gering. Überhaupt, die Jüngeren stellen sich den Älteren gleich und treten gegen sie auf, in Wort und Tat“

Platon, 427-347 v. Chr.

Das wäre ein YouTube Video wert gewesen.

„Was nun zunächst die jungen Leute angeht, so sind sie heftig in ihrem Begehren und geneigt, das ins Werk zu setzen, wonach ihr Begehren steht. Von den leiblichen Begierden sind es vorzugsweise die des Liebesgenusses, denen sie nachgehen, und in diesem Punkt sind sie alle ohne Selbstbeherrschung. […] zornmütig und leidenschaftlich aufwallend in ihrem Zorne. Auch sind sie nicht imstande, ihren Zorn zu bemeistern, denn aus Ehrgeiz ertragen sie es nicht, sich geringschätzig behandelt zu sehen, sondern sie empören sich, sobald sie sich beleidigt glauben. Auch hoffnungsreich sind sie, denn das Feuer, das dem Zecher der Wein gibt, haben die Jünglinge von der Natur […] sie tun alles eben zu sehr, sie lieben zu sehr und hassen zu sehr, und ebenso in allen anderen Empfindungen. Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation“

Aristoteles, 384-322 v. Chr.

Auch Experten können irren.

Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“

Aristoteles, 384-322 v. Chr.

Auch mehrfach.

„[…] bartlosen Jüngling, für Mahnworte harthörig, großspurig im Geldausgeben, hoch hinausstrebend, rasch im Begehren“ (Horaz, um 30 v. Chr.)

Horaz, um 30 v. Chr.

Aber das beschreibt jetzt die GenZ, oder?

„[…] auf ihrem Höhepunkt kennt die Jugend nur die Verschwendung, ist leidenschaftlich dem Tanze ergeben und bedarf somit wirklich eines Zügels. Wer nicht dieses Alter nachdrücklich unter seiner Aufsicht hält, gibt unmerklich der Torheit die beste Gelegenheit zu bösen Streichen […] Unmäßigkeit im Essen, sich vergreifen am Geld des Vaters, Würfelspiel, Schmausereien, Saufgelage, Liebeshändel mit jungen Mädchen, Schändung verheirateter Frauen“ Als Gegenmaßnahme wird empfohlen „Hoffnung auf Ehre und Furcht vor Strafe […]. Diejenigen aber, die gegen alle tadelnden Vorstellungen taub sind, muss man durch das Joch der Ehe zu fesseln versuchen“

Plutarch, ca. 45-125 n.Chr.

Zum Glück haben die damals noch keine Videogames gezockt und zu viel TV geschaut.

„[…] wenn der Knabe ins Jünglingsalter tritt, so hat er auch dann, weil sich dieses Alter ebenso leicht dem Bösen zuneigt, den Zügel der Zucht nötig“

Vincent von Beauvais, 1250

Na dann…

Der grenzenlose Mutwille der Jugend ist ein Zeichen, dass der Weltuntergang nah bevorsteht“

Melanchton, um 1530

Dauert wohl noch etwas, der Weltuntergang.

„Das Sittenverderben unserer heutigen Jugend ist so groß, dass ich es unmöglich länger bei derselben aushalten kann. Ja, oft geschieht es, dass die nicht in Schranken gehaltene oder nicht gebührend ausgetriebene Zuchtlosigkeit eines einzigen Jünglings von ungesunder Triebkraft und verdorbenen Auswüchsen auch die übrigen noch frischen und gesunden Pflanzen ansteckt“

ein Schulmeister 18. Jh.
Die heutige Jugend leitete schon zu früheren Zeiten den Untergang des Abendlandes ein

Wie wäre es da mit Unkrautvernichtungsmittel?

„Immer wieder wird die Wirksamkeit der Volksschule bei dem zunehmenden Sittenverfall diskutiert oder die immer lauter werdenden Klagen über die zunehmende Rohheit und Verwilderung unserer Jugend, besonders der erwachsenen Dorfjugend, erörtert“

Allgemeine Schulzeitung, Darmstadt 1826

Und was ist mit den Städtern?

„Es ist die Wahrnehmung gemacht worden, dass bei der Schuljugend die früher kundgegebene Anständigkeit und das sittliche Benehmen […] mehr und mehr verschwinde“

Regierungsbericht, 1852

Schau an…

„[…] knapp 50 % aller Lehrlinge zeigen mangelhafte oder stark defizitäre Leistungen in der Mathematik“

DIHK, 1965

Und die restlichen 50% hörten Musik der Pilzköpfe (Beatles).

Seit Jahrtausenden immer das gleiche mit der Jugend

„Auszubildende – faul, ohne Disziplin, kein Interesse. Jedes zweite Unternehmen klagt über mangelnde Disziplin und Belastbarkeit sowie fehlende Leistungsbereitschaft und Motivation. Jedes dritte bemängelt die Umgangsformen der Bewerber.“

Die Welt, 21.8.2014 Zitat zur neuen DIHK-Umfrage „Ausbildungsfähigkeit“

Und die Umgangsformen der Betriebe, Meister und Unternehmer?

Also um es zusammenzufassen: Seit Tausenden von Jahren ist die nachgeborene Generation faul, dumm und unfähig. Blöd für die Generation Z: Sie sind nicht exklusiv, bereits vor ihnen gab es junge Menschen, die dieses Attribut in Anspruch nahm. Nur hatten diese nicht die technischen Möglichkeiten, welche heutige jungen Menschen haben.

Liegt es vielleicht daran, dass unsere Gesellschaft sich weiterentwickelt, neue Technologien kommen, neue Ideen, neue Denkweisen, neue Konzepte für Beziehungen und das Leben?

Auf den Punkt bringt es Kurt Tucholsky mit folgendem Zitat:

„Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.“

Kurt Tucholski, Der Mensch, Lerne Lachen ohne zu Weinen, 1931

Das stellt wohl eine Punktlandung dar. Der revolutionäre Esprit der Jugend, die Neugier, der Wunsch Grenzen auszutesten – all dies ist normal für einen Entwicklungs- und Reifeprozess. Ältere Menschen sind dagegen in einem bestimmten Trott – das Berufsleben, familiäre und berufliche Verpflichtungen, die vielbeschworene Vorbildfunktion.

Zwei Dinge sind allerdings hervorzuheben: Erstens– Noch nie sind so viele Menschen so vernetzt gewesen wie heute. Und können quasi mit der ganzen Welt chatten, videotelefonieren oder Fotos tauschen. Und das in Echtzeit und quasi ohne jegliche Kosten.

Zweitens– Zugleich fühlen sich, generationenübergreifend, so viele Menschen wie noch nie einsam. Dies trat besonders während der Covid Pandemie auf, und zieht sich aber weiter durch.

24/7 kann man chatten, telefonieren und mehr – die Einsamkeit steigt aber

Warum sich nicht mal, regelmäßig und nachhaltig, einfach austauschen nicht über, sondern zwischen den Generationen? Das hilft Vorurteile abbauen, den anderen mehr und besser zu verstehen und auf der persönlichen Ebene zu interagieren.

Leider ist es sehr selten geworden, dass außerhalb von Familientreffen junge und ältere Generationen sich wirklich auf Augenhöhe begegnen und sich austauschen. (Und ganz ehrlich- auf einem Familientreffen will niemand die Kriegsgeschichten von Opa hören und der nervige Onkel geht einem auf den Senkel…)

Jüngere Menschen benötigen in diesen Zeiten mehr den je Vorbilder und echte Menschen, mit denen sie ihre Wünsche und Vorstellungen äußern können. Ohne Vorbehalte oder dass gleich die Moralkeule kommt. Und – es gibt zwar genug Angebote im Bereich Coaching, aber sind wir ehrlich: das meiste ist Geldmacherei und wenig Nachhaltig.

Ältere Generationen können sich von jüngeren ihre Neugier erhalten. Auf die Welt, die Gesellschaft oder auf Trends allgemein. Und was die Technologien betrifft, also das Web 2.0, Social Media oder das neueste IPhone – da dürfen die jüngeren Menschen gerne in die Rolle des Lehrers schlüpfen. Wenn die ältere Generation sich darauf einlässt.

In vielen alten Kulturen war es normal, dass junge und ältere Menschen eines Stammes, einer Sippe oder eines Dorfes sich zusammentrafen und dass dies geradezu ritualisierende Wirkung entfaltete.

Das Leben ist kein Spiel. Und trotz aller technologischen Neuerungen, Konzepte, Beteiligungen oder der Art wie wir Leben, gibt es im Leben viele Herausforderungen, denen man sich stellt – ob bewusst oder unbewusst. Ältere Generationen können dafür wichtige Ratgeber sein, manche geben Impulse weiter sind Mentoren. In den Betrieben ist dies unter Wissensmanagement oder Know How Transfer bereits institutionalisiert. In der Gesellschaft leider noch nicht. Das sollte es aber ebenso werden.

Natürlich bekommt man in der Informationsgesellschaft diese Dinge auch in YouTube Videos, oder in Foren oder Blogs vermittelt. Aber die persönliche Dimension gestaltet sich noch einmal ganz anders. Jemand, den man in persönlichen Situationen um Rat fragt, nimmt einen anderen Stellenwert ein, als eine YouTube Person. Zudem sollte man weniger Zeit mit Social Media und dem Internet verbringen. Auch das kann die junge Generation von der älteren lernen.  


KopfArbeit

Hinterlasse einen Kommentar