Bruce, Bruce Will Es…. und Du willst es auch

  • Von René Schindler
  • Lesedauer: 8 Minuten
  • Lerne die Grundsätze der Krisenintervention kennen

Actionstar der 1980er & 90er in den Die Hard Filmen

Oder: Warum die (ehrenamtliche) Arbeit in der Telefonseelsorge so wichtig ist.

  1. Was Stirb langsam und Telefonseelsorge gemeinsam haben
  2. Hintergründe der Telefonseelsorge
  3. Und wer ruft da so an?

Was Stirb langsam und Telefonseelsorge gemeinsam haben

Der erste Teil der Stirb Langsam (Die Hard) Reihe aus den frühen 1980er Jahren ist Kult- Bruce Willis als New Yorker Polizist John Mc Clain besucht an Weihnachten in Los Angeles seine Ehefrau auf deren Firmenweihnachtsfeier. Da die Ehe kriselt und es kurz nach der Ankunft zum Streit kommt, zieht er sich zurück, während ein knapp 20 Köpfiges Terroristen Team, bis an die Zähne bewaffnet.


Mit der modernsten Technik der 1980er Jahre einen Überfall auf das Bürogebäude (für Cineasten : der Nakatomi Tower) durchzieht.

Mc Clain zieht sich unauffällig zurück- bekleidet mit Feinripp Unterhemd und Cordhose. Für Schuhe hat es nicht mehr gereicht, diese anzuziehen. Er trägt seine Dienstwaffe mit geladenem Magazin.

Die Telekomunikationsmöglichkeiten wurden durch die Terrorgruppe gekappt. Mobilfunk, Warnapps oder Emails galten zu dieser Zeit als Science-Fiction und die asymmetrische Kommunikation ist ein Spannungselement des Filmes – was heutzutage gar nicht mehr möglich wäre.

Was den Film zu dieser Zeit herausstechen ließ, war einerseits der gnadenlose Realismus als auch der Durchschnittsmensch als Held (kein Muskelbepackter Übermensch oder unzerstörbarer Superheld, der auch nach dem 10. Kampf wie aus dem Ei gepellt aussah), der als Gesetzeshüter davon angetrieben war, Gerechtigkeit herzustellen.

Mc Clain ist metaphorisch eine Art Vater Staat – nicht perfekt, unzureichend ausgestattet, wenig Fürsprecher, schlechteres Equipment und zudem mit überbordender Bürokratie gelähmt- aber mit dem festen Ziel und dem unbändigen Willen beseelt, Gerechtigkeit zu walten. Und so viel sei dann doch bei einem Film aus den 80ern erlaubt zu spoilern – am Ende bekommt er sie auch.

Zwischendurch erlebt er eine Phase, in welche er sich zurückzieht und mit dem Walkie Talkie (kennt das noch jemand?), das er den Terroristen abgenommen hat, Kontakt mit einem Streifenpolizisten aufnimmt (Legendär: Reginald VelJohnson als Sergeant Al Powell). Dieser wird im Laufe des Filmes sein einziger Fürsprecher. Die Polizei in LA glaubt nicht, was er sagt.

Reginald Veljohnson als Seargeant Al Powell, der geheime Star von Die Hard I

Sergeant Al Powell stuft ihn gleich als Kollegen ein, und gibt ihm moralische Unterstützung allein durch seine Stimme und durch das sprechen. Auch im dramatischen Höhepunkt des Films, als Mc Clain bereits schwerverletzt mit blutbesudeltem Unterhemd, aufgerissenen Füßen mit ihm kommuniziert und ihm anvertraut, er solle seiner Frau sagen, dass es ihm leidtue, falls er dies nicht mehr überlebt. Der schwergeschockte Sergeant Al Powell, bejaht seinen Wunsch, aber führt aus, dass er sich wünsche, dass er dies ihr selbst ausrichten kann. Tränendramatik im Hollywood Action Blockbuster, wer hätte das gedacht.

Dies würden hiesige Sozialpädgog:innen als Krisenintervention bezeichnen und welche Werbung, welcher Transfer wäre geeigneter als dieser Blockbuster um Freiwillige für diese Ausbildung zu gewinnen. Wie, du verstehst jetzt nur Bahnhof? Dann klären wir Dich kurz auf.

Hintergründe der Telefonseelsorge

Am 05. Oktober 1956 fiel der Startschuss in Berlin, der damals geteilten Landeshauptstadt im Nachkriegsdeutschland. Grund dafür waren die hohe Anzahl verzweifelter Menschen, welche in materieller Not lebten und für niederschwellige Angebote offen waren. Die Telefonseelsorge Berlin war geboren. Kurze Zeit später folgte ein Angebot in Kassel (1957), Düsseldorf (1958) und 1959 in Hamburg. Das waren die Angebote von evangelischer Seite. Die ersten Angebote von katholischer Seite wurden 1957 in Frankfurt am Main und 1958 in der Domstadt Köln.

Anonym und in Echtzeit miteinander reden – am Telefon möglich

Es dauerte noch fast zehn Jahre, bis beide Amtskirchen 1969 die Evangelisch-Katholische Kommission für Telefonseelsorge und Offene Tür organisatorisch und institutionell etablierten.

Heutzutage rufen knapp zwei Millionen Menschen die Telefonseelsorge an, welche rund um die Uhr, an 365 Tagen besetzt ist. Und da besondere dabei: Fast alle Menschen, welche diesen Dienst tun, sind tatsächlich freiwillige. Die zwar ein Auswahlverfahren durchlaufen, insgesamt 12 Monate Ausbildung mit Selbstreflektion, Hospitation und Supervision. Bedingung dafür ist, diesen Dienst eine bestimmte Zeit zu erledigen. Abends, an Wochenenden. In einer Wohnung der Telefonseelsorge der jeweiligen Stadt. (Stimmen von Ehrenamtlichen in der Telefonseelsorge kannst Du hier anhören.)

Der Lohn dafür in Euro? Keinen Cent. Dafür eine Lebenserfahrung, über welche nicht mal Therapeuten teilweise verfügen. Gesprächsführungstechniken am Telefon und einen inneren Reifeprozess, welcher Seinesgleichen sucht.

Website der Telefonseelsorge heutzutage: https://www.telefonseelsorge.de/

Krisenintervention wird in akuten Notfällen benötigt. Wie beispielsweise bei Suizidalität. Hat sich die jeweilige Person bereits soweit sozial isoliert und eingeengt dann kann ein Gespräch mit jemandem, der einem zuhört und aktiv interagiert, lebensbejahend sein. Telefonseelsorge, trotz Internet und Social Media? Auch für diese Kanäle gibt es bereits Angebote via Chat und Messenger und das wird von ausgebildeten Personen übernommen. Und nicht von Bots oder der KI.

Das Gespräch ist allerdings aus sozialpsychologischen Gesichtspunkten besonders hervorzuheben.

Es erfolgt komplett anonym, die Anrufer:innen brauchen keinen Namen zu nennen (die Personen an der Telefonseelsorge nennen ihren aber auch nicht.) die Rufnummer wird ausgeblendet, es fallen keine Kosten an (die anfallenden Gebühren übernimmt die Deutsche Telekom) und es können alle Themen besprochen werden.

Das Besondere: alle Personen, welche an der Telefonseelsorge ihr “Ohr“ leihen haben eine 120 Stündige Ausbildung durchlaufen. Haben reflektiert, sich Ihren Themen gestellt, wie es im Psychologensprech so schön heißt. Haben Biographiearbeit gemacht, hospitiert, Fragen gestellt und viele Wochenenden, Abende und freie Zeiten investiert. Niemand bekommt dafür Geld. Die Standards sind dafür gleich – egal ob man sich in Flensburg oder Füssen ausbilden lässt. Im Erzgebirge oder in Essen, in Marburg oder Mainz.

Viele Anrufer:innen denken, das wären hauptberufliche Telefonseelsorger. Aber das sind sie nicht. Es sind Bankkaufleute und BWL-Studierende. Hotelfachleute, Hebammen und Hausfrauen. Techniker und Tierpflege Personal. Menschen wie Du und ich. Aus dem wahren Leben. Nicht jeder und jede ist mit jeder Thematik vertraut. Aber durch das leihen des Ohrs und durch geniale Fragestellungen kann man vieles stemmen.

Und wer ruft da so an?

So bunt wie das Leben. Liebeskummer. Jobverlustängste. Vaterschaft und fehlende Identifikation. Durchgefallene Prüfungen. Einsamkeit. Krankheiten. Ängste. Aber auch Missbrauch, Suizid und Traumata. Regelmäßige Supervision unterstützt die Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger dabei. Denn das ist wie Zähneputzen. Nur mit der Psyche. Anruferinnen und Anrufer wissen, alles ist anonym. Ein Name nennt niemand. Es ist niederschwellig aber dafür 24/7 und aus ganz Deutschland. Die Nummer ist die Gleiche. Aber das Telefonsystem routet Schwerpunktmäßig, so dass kein Magdeburger in Mainz landet oder ein Münchner in Marburg.

Es gibt wenig verlässliche Statistiken darüber, wie sehr die Telefonseelsorger Suizide und Krisen verhindert hat. Die Relevanz ist allerdings ungebrochen, davon legen jährlich stattfindende Ausbildungsgänge und Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Zeugnis davon ab. Und die Nachfrage eben danach.

Vor allem die Nachtdienste sind etwas Abenteuerliches: Man ist für mehrere Stunden in einer fremden, Wohnung. Am angeschlossen ans System der Telefonseelsorge. Ob man via Headset oder auf Lautsprecher telefoniert, ist Geschmacksache. Während der Großteil der Bevölkerung schläft, auf der Nachtschicht ist, Party macht oder sich schlaflos im Bett wälzt nehmen die Telefonseelsorgerinnen und Seelsorger Anrufe entgegen. Egal ob am Feiertag, Sonntag, an Heiligabend oder Neujahr. Die beiden Rufnummer sind I M M E R besetzt.

Auch John Mc Clain (Bruce Willis) war an dem Punkt, an dem ihm Reginald Veljohnson Beistand und sein Ohr lieh. In einer schweren Zeit, als er sonst niemand hatte. Und am Ende, erkannten sich beide, ohne sich jemals zuvor gesehen zu haben. (Videotelefonie war zu dieser Zeit noch Science-Fiction und keine wöchentliche Büroroutine).

Kommunikation und Interaktion ist immer ein gegenseitiger Austausch. Oder Sender und Empfäger. Das was der Sender, also der Anrufer (m, w, d) sendet, löst etwas beim Empfänger aus.

Daher ist Lebenserfahrung, Reflektionsfähigkeit und die Kenntnis über einige Psychische Krankheiten sowie Fragetechniken unabdingbar. Ob in einem Polizeiauto vor dem Naktatomi Center. Oder am Telefon im Nachtdienst in einer Bundesdeutschen Großstadt.

Nachts sind bekanntlich alle Katzen grau…

Das Spiel dauert 90 Minuten und der Ball ist Rund. Fussball EM im eigenen Land – und einige Betrachtungen dazu im nächsten Artikel.


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