- Von: René Schindler
- Lesedauer: 7 Minuten
- Erfahre den Zusammenhang von Fußballturnieren zwischen Soziologie, Psychologie und der Gesellschaft.
- Weißt Du noch wie es beim letzten Mal war…
- Randerscheinungen jeder WM, EM und generell…
- Die Turniere und die Gesellschaft im Wandel der Zeiten…
- Ohne Fleiß´ kein Preis´.

Oder: Was große Fußballturniere über die Gesellschaft und die Psyche Deutschlands aussagen
Weißt Du noch wie es beim letzten Mal war…
Das Sommermärchen hieß es 2006, als die WM nach 30 Jahren unter Kaiser Franz wieder im eigenen Land stattfand – wenn auch mit etwas unkaiserlichem G’schmäckle – wie sich später erst herausstellte.
54, 74, 90 2006 (oder 2010), dudelte es im Radio von den Sportfreunden Stiller und von Grönemeyer Zeit das sich was dreht’…
Passend dazu wurde Public Viewing angeboten- also das öffentliche Schauen, jubeln und in Ekstase geraten von Fanmassen außerhalb des Stadions. Die Geschichtsbücher erwähnen zwar als Start die Heim WM 2006, aber faktisch wurde das Finale gegen Brasilien 2002 in Südkorea (0-2) bereits zum Public Viewing Event. Das nannte man vor 22 Jahren aber noch nicht so. Große Kinosäle, Außen Gastronomie mit Festzeltgarnitur und andere Locations lockten mit Fußball für die Massen.
Vorbei die Zeiten als die Sportart lediglich verschrobene Menschen mit Deutschlandfahnen und Trikots anzog und die Erfolge zu bejubeln.
2006 stand eindeutig im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold. Als Mini Fahnen an Autos, als Schminke für kleinere Fans und allgegenwärtig. Auf Wurstverpackungen und Papierservietten.

Zum Titel, so viel sei hier gespoilert, hat es dann nicht gereicht. Aber zu einem soliden 3. Platz im eigenen Land. Dem kleinen Finale. Während Trainer Klinsmann neben Ergebnissen auch schönen Fußball bot, war er es wohl leid, dass man ihm immer in die Parade fuhr. Kaiser Franz wurde zitiert mit dem Satz: „Wir alle möchten Jürgen bestmöglich helfen. Aber er lässt sich leider nicht helfen.“
Randerscheinungen jeder WM, EM und generell…
Dieser Satz spiegelt, dass Dilemma derjenigen, welche in Verantwortung sind ob als Trainer, oder im elterlichen Betrieb, in der Geschäftsleitung oder im ehrenamtlichen Vorstand – und sich gegenüber „Ratschlägen“ ihrer Vorgänger (hier sind es meistens ältere, weißhaarige Männer, die ungefragt ihre Expertise weitergeben unabhängig davon ob dieser noch passt oder eben nicht.
„Menschen im Unruhestand“ wird dies euphemistisch genannt- jemand der nicht verstanden hat, dass er seine freie Zeit besser mit anderen Dingen genießt, außer dem belehren von seinen Nachfolgern oder Menschen die gerade in dessen Reichweite stehen. Solch ein Typ Mensch ist geradezu der Prototyp des „alten, weißen Mannes„. Mit der Erfahrung von vorgestern, dem Wissen von gestern im heute die Probleme von Morgen lösen. Nicht!!!!

Ebenfalls ein Prototyp mit Unterhaltswert ist der Typ Bundestrainer von der Couch (B.v.d.C.a.) aus. Er kann alles besser. Er weiß alles besser. Er hat es vorhergesagt und überhaupt warum rief der Bundestrainer nicht bei ihm an um die Mannschaftsaufstellung via WhatsApp durchzugehen? Unbegreiflich! Unanständig!! Un…. was auch immer.
Diesen Prototyp des Bundestrainers von der Couch aus gab es in einer Upgedateten Version zur Zeit des Coronabedingten Lockdowns – Mangels Einschränkung des öffentlichen Lebens schulten die Bundestrainer von der Couch um auf Virologen und Pandemiologen – die Fachkompetenz wurde in Facebook, YouTube und anderen (a)sozialen Medien erworben.
Was mitunter nicht weniger nervig war.
Die Turniere gelten mithin als ein Seismograph der Bundesrepublikanischen Gesellschaft.
Die Turniere und die Gesellschaft im Wandel der Zeiten…
Das Wunder von Bern mit dem Gewinn des Titels 1954, in welcher die Jahrhundertelf aus Ungarn mit 3-2 geschlagen wurde, gilt als kultureller Meilenstein nach Kriegsschuld und NS-Diktatur.

Zwanzig Jahre später, die 68er machten sich durch den Marsch der Instanzen, die Sozialliberale Koalition befreite Deutschland vom Muff der Adenauer Jahre, siegte die deutsche Nationalelf in München gegen die Topfavoriten aus den Niederlanden. Optisch hätten Beckenbauer, Netzer, Breitner und Co. mit ihren Haar- und Barttrachten ebenfalls locker aus einer Hippiekommune dieser Zeit entsprungen sein können.

(Die Niederlage durch das Tor von Jürgen Sparwasser, gegen das andere Deutschland trübte die Stimmung im Land nur kurz.)
1990 – Wiedervereinigung, Schwarz-Rot-Gold. Spieler aus Ost und West siegten in Rom mit 1-0 gegen Argentiniens Auswahl durch das Tor von Andy Brehme. Freudentaumel, Fahnen, (Kaiser) Franz…. Prägten den dritten Titelgewinn im Fußball auf internationaler Ebene.

Auf den Vierten Titel musste das Land gefühlte Ewigkeiten warten. 2006 im eigenen Land wurde es nix. Auch 2010 in Südafrika scheiterte man. Dritter und Zweiter. Das Land verlangte mehr.
Und bekam es…
2014. Ab der Copacabana. In Brasilien. Ausgerechnet Südamerika.
Allen Unkenrufen zum Trotz.
In Erinnerung bleibt das Trainingsspiel (Endstand 7-1 für Deutschland) gegen den Gastgeber in Schwarzen Trikots, das 16. Tor von Miroslav Klose. Und ein Brasilien das in die Depression schlitterte und auch das kleine Finale um Platz 3 verlor.

Ohne Fleiß´ kein Preis´.
Deutsche Tugenden wie von Bastian Schweinsteiger im Finale gegen Argentinien personifiziert (zigfach gefoult, mit Schmerzverzerrtem Gesicht, humpelnd und hinkend auf dem Platz aber mit dem unbändigen Willen nur mit dem Pott vom Platz zu gehen. Was er auch tat.

Ebenfalls passend, gelungene und nachhaltige Diversität in Deutschland. Viele Migranten im Team, einen (zu dieser Zeit) coolen Manager und ein freches und frisches Marketing (Die Mannschaft…. heutzutage würde das sicher als toxisch männlich nicht mehr durchgehen).
Angela Merkel war zu dieser Zeit auf dem Zenit ihrer Macht, hatte 2013 fast mit absoluter Mehrheit die Bundestagswahl gewonnen (AfD und FDP egalisierten sich gegenseitig knapp unter die 5% Hürde).
Fahnenzeigen war schick und Deutschland galt als sau cooles Land. Der Krieg lange vorbei, das Land vereinigt und Migranten willkommen.
Vier Jahre später startete man das Projekt Titelverteidigung in Russland aber endete als Rohrkrepierer in der Todesgruppe gegen Mexico, Schweden und Südkorea bereits in der Vorrunde!!!
Vom Flair und Flow der 2014er Weltmeisterschaft war nix mehr übrig. Ein Team mit Egomanen, gehypten Jungstar die mehr Zeit mit der Pflege ihres Sozialmedia Account verbrachten als mit dem Team. Migrantische Spieler die sich zu Autoritären Präsidenten der Herkunftsländer ihrer Verwandten bekannten…
Das erstmalige Aus in der Vorrunde der einstigen Fußball Nation. Eine Katastrophale Wirtschaftslage. Verantwortungslosigkeit in Politik und Gesellschaft.
Kein Aufbäumen nirgends.
Das wurde nur übertroffen von der Skandal WM in Qatar. Die Nationalelf protestierte gegen die Unterdrückung von LGBTIQ im ersten Gruppenfoto in dem sie sich jeder Spieler die Hand vor den Mund hielt (Maulkorb, die FIFA wollte Geld verdienen und keine Politik).

Und folgerichtig boykottiert das deutsche Team nach den drei Spielen der Vorrunde die restliche WM und flog nach Hause (1-2 gegen die Fußball Macht Japan, mit einem 1-1 ein besseres Ergebnis als im WM-Finale 2010 gegen Spanien und eeeheeendlich der ersehnte Sieg gegen Costa Rics mit 4-2).
Der viermalige Fußball- Weltmeister von 2014 flog in den beiden folgenden Turnieren 2018 und 2022 jeweils in der Gruppenphase raus. Keine Elfmeterdramen, keine Jahrhundertspiele meine Nervenkrimis.
Das Automobilweltmeisterland a. D. Deutschland wird von einem Newcomer abgehängt, die Tech Industrie findet außerhalb Deutschlands statt, der Fachkräftemangel lähmt die Wirtschaft und Klima und Umweltdebatten lösen längst Fachliche Zukunftsfragen ab. Wie entwickelt sich der Sozialstaat weiter? Wie wollen wir leben? Wie nachhaltig ist die Klimapolitik wirklich? Warum hat man das Gefühl Medien, Politik und Verwaltung seien Einheitsbrei? Wie wird die Spaltung der Gesellschaft überwunden?
Früher in den Zeiten der Weltmeisterschaften, war auch die Zukunft mal besser.
Was erwartet uns also bei der EM im eigenen Land?
Wenn elf männlich gelesene Personen klimaneutral und Body positive einige Wochen den Leuten Unterhaltung bieten? Den Bundestrainern auf der Couch, den Besserwissern, der GenZ?
Könnte von einem Titelgewinn auch der Funke für die entscheidende Transformation im Land ausgehen?
Vielleicht für Nachhaltigkeit auf sozialer, ökonomischer und ökologischer Ebene?
Schaun‘ wir mal.