- Was ist das Problem?
- Der blinde Fleck
- Alles Affekt, oder was?
- Die Schwelle
- Und was hat das jetzt mit der Karriere zu tun?

- Von: René Schindler
- Lesedauer: 8 Minuten
- Erfahre, wie Du spielerisch neue Skills erlernst
…oder: Warum Darstellendes Spiel der Booster für deine Persönlichkeitsentwicklung ist, und was das eigentliche Geheimnis am Theater ist (das wir exklusiv für euch lüften).
Was ist das Problem?
Wenn man sich mit einschlägigen Karriereratgebern beschäftigt, springen einem zwei Dinge ins Auge:
- Viele Ratschläge scheinen sich zu widersprechen („mach Dich rar„…. „Übernimm viel Verantwortung usw.“)
- Die meisten dieser Ratschläge erfüllen wenig Nachhaltigkeitskriterien („Die Top 10 fürs Büro„, „Mach das, um x in Zeit y zu erreichen„).
Warum ist das jetzt bedenklich? Was bedeutet das eigentlich, Karriere zu machen? Viele von euch, (so auch bei mir) bekamen von außen, meistens aus dem Elternhaus oder von wohlmeinenden Lehrer:innen mitgeteilt, dass man Studium X oder Y zu absolvieren habe, um später eben „Karriere zu machen„.

Damit drückt man aus, beruflichen Erfolg anzustreben in Form von verantwortungsvollen Tätigkeiten, Führungs- oder Fachaufgaben um ein regelmäßiges Einkommen zu erzielen – und meist verbunden mit etwaigen firmeninternen Privilegien. Damit sollen wiederrum Statussymbole beschafft werden, welche den Karrierestatus nach außen vor allem für die Nachbarschaft demonstrieren sollen.
Diese beschriebenen Dinge sind außengeleitet, sie kommen im wenigsten Fall aus einem selbst. Niemand wird einem von außen mitteilen können, ob er für Jura, BWL oder Medizin geeignet ist. Man kann von außen gern Ratschläge erteilen (oder erteilt bekommen) über die Vorteile des Berufsbildes, die Struktur und die etwaigen Berufsaussichten. (Juristen zählen zu den sog. „Freien Berufen“ in Selbständigkeit)
Ein Mediziner oder eine Medizinerin hat durch das System des Gesundheitswesens eine besondere Profession, während Betriebswirtschaftslehre ein sog. Funktionsübergreifendes Fach ist, das einem viele Möglichkeiten eröffnet, es erfordert allerdings viel Eigeninitiative und entsprechende Spezialisierungen auf Funktionalitäten, wie Marketing, Einkauf oder Controlling.
BWL ist allerdings kein Management – das wird häufig in einen Topf geworfen und sicher benötigt eine Führungskraft oder ein Manager Kenntnisse und Kompetenzen in Betriebswirtschaftslehre, aber ein Blick in die Praxis zeigt, dass viele Firmenchefs, CEOs oder Start Upper eben keine BWLer sind.
Der blinde Fleck
Den Wunsch- oder Traumjob kann jeder nur für sich selbst entdecken. Da spielen individuelle Vorlieben und Interessen eine tragende Rolle. Viele können sich unter dem Berufsbild eines Juristen oder eines Mediziners etwas vorstellen.
Ein Jurist arbeitet zum Beispiel als Rechtsanwalt und kennt sich mit Gesetzen und Paragraphen aus. Der Mediziner führt eine OP durch. Ein Betriebswirt kalkuliert Angebote durch. Dafür werden Kompetenzen benötigt. Diese unterteilen sich in folgende Bereiche:
- Kognitive, also Fachwissen und Können
- Psycho-Motorische, also Handwerksgriffe und Methodenkompetenzen
- Affektive, die Herzebene und das Gefühl.

Die ersten beiden Kompetenzbereiche können relativ leicht in sogenannten Taxonomie-Stufen untergliedert werden, die leicht nachprüfbar und anzuwenden sind. (Taxi…was…. Taxonomie?)
Affektive Kompetenzen aber, das herausbilden einer Wertehaltung und –hierarchie stellt dagegen etwas dar, das einen sehr nachhaltigen Ansatz verfolgt, dass seine Persönlichkeit entwickeln lässt und am Ende im Idealfall den Charakter vollständig mitgeprägt haben wird.
Während man sich kognitive und psychomotorische Kompetenzen leichter erlernen und erarbeiten kann, kommen bei den affektiven Kompetenzen die Dimension des persönlichen Erlebens und reflektierens mit dazu.
Die Karriereratgeber teilen euch sehr viel mit, um vor allem seine kognitiven, aber auch seine psychomotorischen Kompetenzen zu erweitern.
Aber wenn es um die affektiven Kompetenzen geht, ist leider oft ein lautes Schweigen zu vernehmen. Affektive Kompetenzen werden entwickelt durch das Bewusste erleben und immer wiederholen von Tätigkeiten, dem konfrontieren mit eigenen Barrieren und Ängsten sowie dem Aufsprengen von hindernden Glaubenssätzen und einengenden Strukturen. Das klingt erst mal wie in einer Psychologie Vorlesung. Was genau bedeutet das nun?
Alles Affekt, oder was?
Kommunikationsstärke, Bewusstwerden der eigenen Emotionalität und das Wissen um die eigenen Grenzen. Das sind wichtige Fähigkeiten, vor allem in unserer heutigen, von Schlagwörtern wie Arbeit 4.0 und Digitalisierung beherrschten Lebenswelt.
Viele Menschen verstecken sich hinter digitalen Strukturen, und verlernen sukzessive zu kommunizieren oder auch in Konflikte zu gehen geschweige denn diese auszuhalten. Vom Erspüren und fühlen der eigenen Emotionalitässkala ganz zu schweigen.

Seit Jahren ist zu beobachten wie es eine ganze Armada an Coaches, Berater:innen und anderen Seligmachern einen künstlichen Markt erschaffen, welcher den Menschen einzureden versucht, dass diese einen oder gar mehrere Mängel haben – die in meist überteuerten Coachings, Psychoseminaren oder Powerweekends behoben und entwickelt werden sollen.
Sei es Resilienztraining, (werde die beste Version deiner Selbst), Flirt Trainings, (so bekommst du jede Frau), Beziehungscoaching, (für immer Flitterwochen), Konflikt- und Kommunikationscoachings (So gewinnst du jede Verhandlung) usw. Die Quintessenz ist dabei stets die gleiche.
Es geht um eine bessere Kommunikation, ein sich selbst bewusstwerden und damit einhergehend eine verbesserte Ausstrahlung.
Doch statt teures Geld für obskure Guru-Coaches mit Pseudowahrheiten aus der Mottenkiste der Psychologie hinaus zu werfen, gibt es eine deutlich kostengünstigere, nachhaltige und schönere Empfehlung: Den Eintritt in eine Laientheatergruppe.
Die Schwelle

Ja, ich weiß was Du jetzt denkst. Muffige Kostüme, komische Menschen, verhaspelte Sätze und verhunzte Stücke der Weltliteratur in der Mehrzweckhalle eines Kuhdorfes….
Aber betrachten wir doch mal die Kompetenzfelder der Schauspielerei näher. Und wir sprechen da von Schauspielerei, egal ob Hollywood-Blockbuster oder Theaterstück in der Mehrzweckhalle des Kuhdorfes.
Personen, welche Schauspielerei oder Darstellendes Spiel, so der eigentliche Name dieser Kunstform betreiben, versetzen sich mit der Sprache, der Mimik und Gestik und im Idealfall mit der Gedankenwelt in eine andere Persönlichkeit. Das können Shakespearsche Charaktere sein, oder Figuren von Agatha Christie.

Während man den Rollen-Text einer anderen, fiktionalen Person auf der Bühne darstellt, passende Kostüme trägt und deren Mimik und Gestik übernimmt, taucht man ein in deren Gedankenwelt, der Rolle sowie des Stückes immer mehr und mehr ein.
In der extremen Form wird auch der Körper mitverändert, aber das gehört mehr zu den Berufsschauspielern nach Hollywood und nicht auf die Bühne einer Mehrzweckhalle in einem Dorf. Man tritt vor Menschen auf und be-spielt diese in einer Rolle.
Die größte Hürde ist sicherlich das Lampenfieber (was sollen denn all die Leute jetzt von mir denken???) aber auch die sehr exponierte Darstellung des Charakters auf der Bühne, vor vielen vielen Menschen.
Eine Besonderheit in Filmen ist die audiovisuelle Dramaturgie, in Form von Schnitten oder Soundeffekten und sog. Spezial Effekten.
Das ist in einer solchen Form am Theater natürlich nicht möglich, daher lebt dieses Spiel vor allem von der Kulisse, diese werden von geschickten Handwerkern erzeugt, und eben der persönlichen Kunst, Gefühle körperlich auszudrücken – und seine Ur-Persönlichkeit hinter der jeweiligen Rolle zum Verschwinden bringen.
Wenn der samtene Vorhang sich öffnet, die Lichter ausgehen, dann erwachen die dargestellten Figuren zum Leben – und die Handlung beginnt.

Und das ist die Magie des Theaters. Das Geheimnis jeden Schauspiels. Zehntausende üben und performen diese Technik des Ausdruckes einer Palette von Gefühlen für die Audienz vor der Bühne:
Angst
Beklommenheit
Charisma
Depressiv
Eitel
Frech
Gutmütig
Ideell
Großmütig
Hitzköpfig
Lustvoll
Korrupt
Natürlich
Poetisch
Wut
usw. usf.
Jede dieser Gefühle so mit Mimik, Gestik und dem Körper darzustellen, erfordert mitunter sehr große Hingabe und Demut, aber eben auch eine gute Körperbeherrschung.
Gemäß der Aristotelischen Logik, baut sich ein Drama (das ist der Fachausdruck für ein Theaterstück), immer in 5 Akten auf:
- 1. Exposition, also dem Beginn
- 2. Komplikation, der Handlungsfestigung
- 3. Peripetie, dem Höhepunkt und gleichzeitig der Umkehr der Handlung
- 4. Retardation, also dem verlangsamen der Handlung mit Spannung und Nebensträngen und
- 5. Katastrophe oder Lysis… die Katastrophe endet mit dem Tod/der Verdammnis/Verurteilung, wie im Falle Hamlets oder Romeo in Julias; oder in der positiven Form der Katharsis, wie bei Nathan dem Weisen.
Und was hat das jetzt mit der Karriere zu tun?
Wenn man einen Rhetorikkurs besucht, so denken die meisten Menschen, lernt man hochtrabende Sätze oder geniale Einwände. Dies ist auch richtig.
Was aber kaum jemand versteht ist die Tatsache, dass Sprache ein Teil der sogenannten Psychomotorik ist- also vor allem viel mit Körperarbeit und vor allem Körperausdruck zu tun hat.
Bei einem Rhetorik Training wird vor allem auch Wert auf die eigene Körpersprache, also Mimik und Gestik, gelegt und diese mittrainiert.
Das kannst Du sehen, wenn Du Menschen eine öffentliche Rede hören und sehen siehst. Meist sind dies Politikerinnen und Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Wirtschaft. Aber auch Bürgermeister:innen im Wahlkampf oder Schuldirektor:innen bei der Abi-Rede müssen diese Kunstform beherrschen. Treffen ihre Worte den Punkt? Haben sie Pausen in den Sätzen? Und vor allem:
Was machen die Hände, leger in den Taschen? Oder gestikulierend? Für Kommunikations-Profis gibt es z.B. für Wörter ein eigenes Gestik Alphabet!!

Da alles lernst Du z.B. im Theater und durch das Ständige üben. Auf den Körper zu achten, richtig zu atmen und vor allem Mimik und Gestik richtig einzusetzen. Dem Lampenfieber erfolgreich begegnen, die Stimme pointiert und kunstvoll für die Rede einzusetzen, Kunstpausen einbauen und Stille auszuhalten.
Und mal ehrlich – Schauspielern wir nicht alle im Leben? Wie viel besser wäre es, dies im Rahmen eines Theaters zu praktizieren?
Auch eine Rhetorikgruppe bedient sich ähnlicher Muster, wie z.B. die Toastmasters. Nur dass diese keine dramatischen Stücke performen oder aufführen. Aber sich persönlich entwickeln. Sprachlich und Körperlichsprachlich. Kommunikation ist unsere wichtigste Ressource. Bei der Arbeit. Bei der Verhandlung. Beim Flirten. Beim Einkaufen. Bei einer Beschwerde. Beim Anruf im Call-Center.
Ob ein Mensch das Label charismatisch angeheftet bekommt, es ist vor allem sein Auftreten, die Kommunikation und Interaktion, also das agieren auf stressige Situationen, oder Einwände. Das hat kaum jemand von Geburt an. Das kann man erlernen.
Theaterspielen ist nicht die ultimative Lösung, kann aber ein einfacher, schöner und gangbarer Weg sein, seine Persönlichkeit elegant weiterzuentwickeln und sich besondere affektive Kompetenzen anzueignen. Welche bei der Vorstellung der nächsten Firmenpräsentation durchaus eine entscheidende Note mitgeben können – und damit, wie in der Überschrift versprochen, einen „Karriere-Booster“ erzeugen.