Wärst Du gerne ein Superheld?

Es sind vor allem die letztgenannten Skills, welche zunehmend als immer wichtiger betrachtet werden. Da die Akademisierungsquote unter Beschäftigten die letzten Jahre stark zugenommen hat, werden weitere Unterscheidungsmerkmale herausgearbeitet. Das belegen einerseits boomende Anbieter, aber auch zunehmende Anforderungen in Stellenprofilen der einschlägigen Portale.

Bildung und Bildungsabschlüsse zählen bekanntlich zu sog. „Gesellschaftlichen Machtfaktoren“, oder etwas netter formuliert, besitzen eine Schlüssel Ressource in einer demokratischen Gesellschaft. Dies soll aber nicht wertend gemeint werden. Denn das ist ein Beleg einer funktionierenden Demokratie, in den USA kennt man das unter „Checks and Balances.“

Weitere Faktoren für Schlüssel Ressourcen sind:

Einerseits ist dies Geld, in Form von Einkommen und Vermögen. Dies leuchtet ein, denn wer über Geld verfügt, kann viel konsumieren, aber auch investieren.

Bildung ist ebenfalls wie bereits ausgeführt, ein solcher Faktor. Wer über hinreichende Bildung verfügt, hat dadurch (so in der Theorie) die Möglichkeit sehr hohe Einkommen zu erzielen, Fragestellungen zu verstehen und sich partizipativ im Gemeinwesen nachhaltig einzubringen.

Der freie Zugang zu Informationsquellen, zur Meinungsbildung und Wissenserwerb zählt ebenso dazu. Dieser Punkt wird zwar von Teilen einer Öffentlichkeit stark diskreditiert (Stichwort „Lügenpresse“), aber wer eine beliebige Bahnhofsbuchhandlung betritt, stellt fest, dass Printmedien angeboten werden, welche das komplette Spektrum der Politik abbilden: von ganz links bis rechts! Von Meinungsdiktatur also keine Spur.

Ebenso ist der Punkt, und damit nähern wir uns nun wieder dem Titelthema dieses Blogartikels, der Zugang zu öffentlichen Ehrenämtern und damit Gestaltungsmacht. Natürlich ist dies in der Praxis mit einigen Hürden verbunden, aber prinzipiell steht es Bundesbürger:innen zu, sich politisch zu engagieren, an Wahlen aller Ebenen des Staatswesens teilnehmen, IHK-Prüfer:in zu werden, sich an Gerichte abordnen lassen oder eben als Betriebsrat zu kandidieren und gewählt zu werden.

Damit sind wir nun beim Thema. Das deutsche Mitbestimmungswesen in Betrieben und Dienststellen gilt Forschern zu Folge als weltweit einzigartig!

Nirgendwo auf der Welt außer in unserem Land ist es möglich, auf der Arbeitsstelle solch einen Grad an Mitbestimmung zu erfahren, zu kultivieren und im Sinne der Belegschaft zu partizipieren.

Das Justizwesen ist ebenfalls noch als ein Schlüsselfaktor anzusehen und als Teil der dreigliedrigen Gewaltenteilung im Staat.

Jede dieser Schlüsselqualifikationen steht für eine Säule in einer Demokratischen Gesellschaft und man kann das eine untereinander ausgleichen!

Ein wichtiges Gut und durch unsere Verfassung geschützt: Eine unabhängige Justiz.

Eine kurze Zeitreise…

In den Nachwehen der Revolution von 1918/19, in welcher die Monarchie beseitigt wurde und die Republikgründung sich manifestierte, erfolgte eine breite Demokratisierung der Gesellschaft.

In dieser Zeit wurde ebenso das Betriebsrätegesetz von 1920 aus der Taufe gehoben – in den Geschichtsbüchern untrennbar verbunden mit dem Blutbad vor dem Reichstag. Die Dauer dieses Gesetzes war nur kurzlebig – die NS Herrschaft beendete die Legitimation des Gesetzes.

1920: Hundertausende Demonstrieren vor dem Reichstag

Wie der Name bereits andeutet, lag der Schwerpunkt dieses Gesetzes auf den Betriebsräten, nicht (mehr) bei den Arbeitgebern. Das heute geltende Gesetz trägt den Namen Betriebsverfassungsgesetz und zeigt auf, dass der Schwerpunkt auf dem Betrieb liegt und der Macht des Arbeitgebers durch umfassende Rechte der gewählten Arbeitnehmer Vertretungen Grenzen zeigt.

Schauen wir uns mal an, wie ein Qualifikationsprofil eines Betriebsrates aussehen müsste, wenn man diese Personen wie andere Arbeitnehmer:innen einstellen würde und nicht mit Wahlen legitimiert.

  • Kenntnisse in Textverarbeitung
  • Kenntnisse in Tabellenkalkulation
  • Kenntnisse in Präsentationsformen
  • Kenntnisse in Büroorganisation
  • Kenntnisse in Qualitätsmanagement
  • Kenntnisse in Veranstaltungsmanagement
  • Netzwerker
  • Glaubwürdigkeit
  • Hohe Frustrationstoleranz
  • Zuverlässigkeit
  • Fähigkeit, mit allen Bezugspersonen auf Augenhöhe zu sprechen
  • Intrinsische Motivation

Sicherlich könnte man zu der ein oder anderen Kompetenz noch einiges hinzufügen. Und natürlich benötigt ein Betriebsrat in einem tradierten internationalem Automobil Konzern ein etwas anderes Kompetenzprofil, als beispielsweise ein Betriebsrat in einer dynamischen Branche mit deutlichen prekären Anteilen wie z.B. der Systemgastronomie.

Würde man also ein Curriculum als zertifizierter Betriebsrat kreieren, sähe es etwa so aus:

10% BWL

10% VWL

20% Arbeitsrecht

15% Kommunikationspsychologie

10% Büroorganisation

10% Netzwerker

15% Politiker

Das wäre also ein Bwler, der einige Semester Kommunikationspsychologie studiert hat, nebenbei in einer Anwaltskanzlei gejobbt hat, regelmäßig Zeitungen liest, sich schon früh ehrenamtlich als Klassensprecher o.ä. erfolgreich aufstellen ließ, aber auch jemand der mal im Verkauf gejobbt hat und sich profunde Kenntnisse in Qualifikation und Bildung erworben hat. Also eine eierlegende Wollmilchsau, wie der Volksmund sagen würde.

Kann alles, praktisch… Ohne Worte, oder? (Quelle: Wikimedia)

Man verdient als gewähltes Mitglied in einem Betriebsrat nicht mehr als vergleichbare Kolleg:innen (offiziell), genießt aber einige Sonderrechte. Steht aber natürlich mehr im Mittelpunkt.

Vermittelt zwischen Kollegen. Verhandelt mit Chefs, die über mehrere abgeschlossenen Studienfächer verfügen, sich intensiv coachen lassen und teure Anwälte auf ihrer Seite wissen.

Die oftmals das zigfache des Betriebsrates verdienen. Denen aber eine, in der heutigen Zeit entscheidende und zeitlose Fähigkeit fehlt –

Authentizität.

Schauen wir uns das Kompetenzprofil eines Gebäudereinigers z.B. einmal an:

  • Kenntnisse über Oberflächen
  • Kenntnisse über Putzmittel
  • Kenntnisse über Zeitmanagement
  • Kenntnisse über mögliche Gefährdungen
  • Umgang mit Reinigungsgeräten, mechanisch
  • Umgang mit Reinigungsgeräten, manuell
  • Instandhaltung von Werkzeugen, Geräten und Maschinen
  • Deutsch auf Level B 1
  • Fingerspitzengefühl
  • Dokumentation
  • Hohe Frustrationstoleranz
  • Schwindelfrei
  • Bereitschaft zu Frühschichten und Spätarbeit
  • Identifikation mit der Tätigkeit

Es wird deutlich, dass es sich um eine überaus wichtige, aber überwiegend manuelle Tätigkeit, welche wenig mit dem Kompetenzprofil eines Betriebsrates zu tun hat, handelt.

Schaut man sich das Kompetenzprofil eines Fachmannes in der Systemgastronomie an:

  • Kenntnisse über Lebensmittelverarbeitung
  • Kenntnisse über Restauranttypische Abläufe in Küche und Service
  • Kenntnisse über Marketing
  • Kenntnisse über Qualitätsmerkmale
  • Kenntnisse über Hygiene Standards
  • Kenntnisse im Umgang mit Roh-, Halb- und Fertigprodukten
  • Kenntnisse in der Wartung von Maschinen
  • Kenntnisse in Kundenreklamation
  • Kenntnisse in Kundenorientieter Kommunikation
  • Kenntnisse in Servicehaltung
  • Deutsche Sprache auf Level B 1
  • Hohes Maß an Frustrationstoleranz
  • Gute Organisationsfähigkeiten

Man stellt fest, dass einige Kompetenenzen bei einem Betriebsrat ebenfalls vorkommen, aber eben nicht in einer solchen entwickelten Form. Wenn ein Geschäftsführer mit einem Betriebrat mit obigen Berufen und Kompetenzeprofilen verhandelt, wird ersichtlich, wie sehr die Person für die Arbeit im Betriebsratsgremium noch an Qualifikationen „draufsatteln“ darf – um seine oder ihre Superkräfte bestmöglich entfalten zu können.

Oft sind die manuellen und gewerblichen Betriebsratsmitglieder mit mehr Hürden konfrontiert als solche aus einer kaufmännischen Funktion. Aber Übung macht bekanntlich den Meister. Oder auch den erfolgreichen Betriebsrat aus.

Einen erfolgreichen Betriebsrat kann man sich in etwa vorstellen, wie einen Fußballtrainer eines mittelmäßigen Fußballvereines in der Ersten Liga. Er hat mal sehr geackert, und sich mit der Trainer Lizenz weitere Qualifikationen erworben.

Er steht nun unter permanenter mediale Überwachung, jede Minderleistung des Vereins führt zu starker Kritik seitens des Vorstandes, aber von den Fans wird er geliebt und mitunter verehrt. Er selbst ist nicht perfekt, hat mitunter Schwächen.

Viele Gemeinsamkeiten: Trainer & Betriebsräte. Leidenschaft & Technik. Kompetenz & Authentizität (Quelle: Wikimedia)

Aber für jeden Arbeitsplatz setzt er sich ein. Diskussionen in der Belegschaft nimmt er auf, berät Kolleginnen und Kollegen. Verhandelt Betriebsvereinbarungen. Geht als Sieger vom Platz. Manchmal auch als knapper Verlierer. Darf sich dann enttäuschten Kollegen stellen, die wütend sind und mit ungerechtfertigter Kritik alles in Bausch und Bogen verdammen.

Geht ins Betriebsratsbüro und darf zwischen anderen Mitgliedern des Gremiums vermitteln. Und ist doch ein Arbeitnehmer wie jeder andere auch. Steht also an der CNC Maschine. Bedient Kunden im Restaurant. Telefoniert mit Lieferanten. Steht an der Fließbandfertigung. Putzt Gebäude-Verglasung im 20. Stock. Oder Fährt LKW.

Verhandelt mit dem Management auf AugenhöheBetriebsratsmitglied. (Quelle: Freepik)

Mit dem einzigen Unterschied, dass er oder sie über Gestaltungsoptionen verfügt. Anhörung verlangen kann. Sich gegen Kündigungen stark macht. Überstunden reklamiert.

Gehaltszahlungen auf Genauigkeit prüft – und das schnell regeln kann. Oder sich um Arbeitsplatzsicherheit kümmert. Der Belegschaft Angebote unterbreitet. Für das neue Schichtsystem wirbt.

Achtet nicht nur am Arbeitsplatz darauf, ob alles korrekt ist – Betriebsratsmitglied. (Quelle: Freepik)

Die Infos am schwarzen Brett aushängt, die davor layoutet wurden. Und vieles mehr. Man kann sich sicher vorstellen, dass ein Betriebsrat aus einem internationalen Automobilkonzern dies mit mehr Leichtigkeit, weniger Hürden und einer größeren Sicherheit erledigen kann, als der Betriebsrat aus der Systemgastronomie.

Für beide gilt, das diese Macht auf Zeit ausgelegt ist. Dass er den Draht zur Basis nie verliert, aber auch das Unternehmenswohl im Blick hat. Das sich Kollegen jederzeit an ihn wenden können.

Dass er Normen (als Betriebsvereinbarungen bekannt) für das ganzen Unternehmen aushandeln kann, vor allem in den Bereich berufliche Bildung und Qualifizierung, Arbeitssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Arbeitszeit und Dienstbeginn und -ende.

Oder plakativer ausgedrückt: Dass unter den aktuellen veränderten gesellschaftlichen, technologischen, rechtlichen und politischen Bedingungen die Arbeitsplätze auch sozial gestaltet sind und nachhaltig sicher sind.

Und eben diese „Mächtigkeit“ verleiht einem normalen Arbeitnehmer an der CNC Maschine, im Restaurant, am Telefonieren mit Lieferanten, an der Fließbandfertigung, in der Gebäudereinigung oder während er LKW Fährt hin und wieder, wenn es die Situation erfordert: SUPERKRÄFTE.

Auch ohne rotes Cape, körperbetonter Kleidung und Spider-Man oder Wonder Woman zu sein. Das Resultat ist aber das gleiche. Die Beschäftigten jubeln „ihren“ Superhelden zu. Und freuen sich über Gratifikationen. Bessere Qualifikationsmöglichkeiten. Mehr Arbeitssicherheit. Gerechtere Entlohnung. Und vor allem: Eine echte Work-Life-Balance.

Der Clou – jedes Unternehmen der Privatwirtschaft mit mindestens 5 Beschäftigten darf sich einen Betriebsrat wählen. Es ist naheliegend, dass Personen, welche im Büro arbeiten, sich einfacher in der Position des BR zurechtfinden, als Menschen welche überwiegend manuelle Tätigkeiten verrichten (Handwerk, Mechaniker o.ä.). Und der Sprung damit ein weiterer ist.

Und in Betrieben mit bestehendem Betriebsrat ist die Wahl alle vier Jahre, etwas das dazugehört. Bei Betrieben, welche erstmalig eine solche Wahl durchführen, ist es mitunter kniffelig und mit sehr viel Aufwand und persönlichem Einsatz, oft auch mit Superheldem-haften Mut (Betriebsräte in der Systemgastronomie können davon ein Lied singen) verbunden.

Die Erfahrung lehrt, dass es notwendig ist, sich rechtlichen und ökonomischen Beistand zu holen. Um die Wahl, den ein zu berufenden Wahlvorstand (mitunter ein komplexes Verfahren) und andere Hürden umschiffen zu können.

Ein Betriebsrat in der Systemgastronomie erklimmt z.B. viel höhere Hürden als ein Betriebsrat bei einem großen und internationalem Automobilhersteller. Das BetrVG teilt beiden offiziell die gleichen Rechte und Handhabungsmöglichkeiten zu. Aber der Betriebsrat aus der Systemgastronomie, die gekennzeichnet ist von:

  • Hoher Fluktuation
  • Kurzer Wertschöpfung
  • Hoher Diversität in der Belegschaft (viele migrantischen Beschäftigten, sehr hoher Frauenanteil u.a.)
  • Bekannte Ketten, die das Bild aller Bundesdeutschen Städte prägen
  • Geringen Verdiensten bei hoher Arbeitsverdichtung
  • Mitunter problematischer Kundschaft

hat definitiv das Potenzial, der Superheld einer Netflix Serie zu werden. (Der Betriebsrat des internationalen Automobilkonzerns bekäme dagegen eher eine Rolle in einer nachmittags Seifenoper zugewiesen).

Wer tut sich das vor allem in prekären Branchen (Logistik, Systemgastronomie, Leiharbeit, Gebäudereinigung u.a.) an?

Für alle Beschäftigte ansprechbar: Der Betriebsrat

Miese Bezahlung, miese Kundschaft und miese Arbeits-Bedingungen – dazu droht die Schikane vom Chef. Jemand der in diesem Umfeld sich zu seiner aufreibenden Arbeit (eine Freistellung als BR erfolgt erst bei einer Betriebsgröße von 200 Mitarbeiter:innen) noch das „Superhelden Kostüm“ überzieht, Arbeitsbedingungen in eine Betriebsvereinbarung verhandelt, gegen Kündigungen zu Felde zieht, Arbeitsplätze unter gesundheitlichen Aspekten inspiziert, über Neueinstellungen entscheidet und mehr, der ist definitiv ein Superheld.

Aber all das lernt man in keiner Schule, keiner Uni, man bekommt dafür kein IHK Zertifikat oder einen Onlinelehrgang.

Na Neugierig, willst auch Du Superheld sein?

Auf gehts. Für deine Kolleg:innen und deinen Betrieb.

Dann gehe es jetzt an. Nein, nicht übermorgen. JETZT! Kontaktiere den Autor, wenn Du Unterstützung brauchst.

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2 Antworten zu “Wärst Du gerne ein Superheld?”

  1. Super Beitrag! Viele haben schon längst Qualis. aber sie wissen es nicht. Non Formale Qualifikation eine großes Thema in der/für die Zukunft. René wie Du auch schonmal erwähnt hast, in Deutschland zählen die Qualifikationen auf Papier, ein Vorteil oder Nachteil- anderes Thema, viele die diesen Beitrag lesen wissen: Qualis und Wissen ist wichtig, aber dieses bestimmte Bauchgefühl braucht man auch. Es fehlt aktuell vielen Führungskräften, . . . wieder aber ein anderes Thema. 🙂

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